Manchmal soll oder muss etwas verdeckt werden mit Sprache. In Zeiten politischer Verfolgung, oder wenn Privates geschützt
werden muss, sucht man Ausdrucksmittel, die nicht verraten aber andeuten, spezielle Symbole, Geheimzeichen die nicht
jeder kennt. In Diktaturen, auch in der Nazizeit und im Kommunismus blühte diese Kunst der verdeckten Wahrheit, der
Nachricht zwischen den Zeilen, der Freiheit hinter vorgehaltener Hand, die Kritik durch Verfremdung.
Nun – werden sie sagen, was hat das mit Advent zu tun? Wir kennen ja unsere Symbole, den Adventkranz, Adventskalender,
Weihnachtsstern, die Lieder und Christkindlesmärkte? Laut Umfragen kennen nur noch weniger als 14 Prozent der Bürger ein
Bibelzitat oder können auf Anhieb den tieferen Sinn der Adventzeit benennen. Nur noch wenige entdecken, was hinter
Kommerz und dem Freizeitstreß dieser Tage verborgen ist. Die Zeit des Kommens ist anders als die Gegenwart. Kommendes
bestätigt oder stellt Gegenwärtiges in Frage.
Also stellen wir uns dem Text. Er hat schon seinen Grund, d.h. er passt in die Zeit des 1./2. nachchristlichen Jahrhunderts. Er
ist das Ergebnis des Christseins im Römischen Reich mit seinen gottgleichen Kaisern, die in prächtiger Herrlichkeit ihre
Allmacht feierten. Sie geboten als pontifex maximus, als oberster Brückenbauer über Leben und Tod. Sie schienen gottgleich
ewig zu leben. Huldigungen, Opferungen, der Kult waren gottesdienstähnlich. Christen störten. Als Märtyrer mussten sie ihren
Glauben und Leben opfern.
Doch ihr Glaube hat überlebt. Für sie gab es Höheres, Tieferes, Göttlicheres als die Realität römischer Macht. Johannes, der
alte, erblindete Seher von Patmos sieht tiefer, hört Größeres. Er beschreibt den kommenden Advent im Himmel. Wie ein
inszenierter Gottesdienst ist das. Bilder voller Bilder. Eines übertrifft das andere. Töne, Melodien, Texte, Gespräche. Manche
denken da vielleicht an den katholischen Barock Oberbayerns, an Kirchen voller Bilder und Gestalten, voller Farben, an den
Himmel auf Erden.
Doch Johannes inszeniert nicht nur katholisch. Es geht auch ums Hören. Wie für uns Evangelische gemacht. Da ist das
große, versiegelte Buch des Lebens. Wort für Wort – Gottes Wort.
Doch wer versteht es? Wer löst das Siegel? Wer deutet die Schrift? Ein himmlisches, aber auch ein menschliches Problem.
Bleiben wir zunächst bei unserem, dem menschlichen Problem? Wo erkenne ich in meinem Leben Gottes Wirken? Wo und
wann weiß ich eindeutig, was Gott mir sagt und von mir will? Wo und wie verstehe ich das Gesagte? Rechne ich damit, mein
Leben zu verstehen, alle unbewussten und bewussten Passagen meiner Biografie deuten zu können und die richtigen
Konsequenzen zu ziehen? Wünsche ich mir nicht die klare Eindeutigkeit Gottes, der kommt und mir sagt, was von meinem
Leben bleiben wird? Wer löst die Siegel meines Lebensbuches?
Das himmlische Problem, das den Seher zur Verzweiflung bringt, wird gelöst. Johannes spricht vom Lamm, vom Löwen aus
Juda, von Christus. Er hat keine politische Macht. Aber er kann das Siegel öffnen, denn er versteht Gottes Wort. Er liest aus
dem großen Buch des Lebens vor dem thronenden Gott, im himmlischen Gottesdienst.
Und alles ist für Johannes erlebbar, und für uns nacherlebbar. Auch wir sind eingeladen, auch wenn wir mit anderen Bildern
unsern Advent inszenieren und mit anderen Melodien diese Zeit besingen: Christus ist im Himmel, zu sehen und zu hören. Er
wird kommen und Gott wird dort sein. Wir können Gewesenes und Zukünftiges feierlich verstehen. Da kann uns Herz, Auge
und Ohr wie eine Tür zum Himmel aufgehen.
Amen.
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