Predigt für den Pfingstsonntag 2004
Text: Apostelgeschichte 2, 1-18
Thema: Vom Geist bewegt, im Wort gefasst, von Menschen erlebt, Pfingsten.
Liebe Leser,
Mit dem Heiligen Abend fängt Weihnachten an. Mit der alten Weihnachtsgeschichte
der Geburt des Kindes können sich viele identifizieren. Mit Liedern und Krippenspiel,
mit Geschenken und dem Weihnachtsbaum ist das himmlische Ereignis Kirchen –
und Wohnzimmer –tauglich. Es passt irgendwie in die eigenen vier Wände und in das
bewegte Herz.
Und dann kommt nach langer Winter – und Fastenzeit das frühlingshafte Osterfest mit
dem Feuer und der Osternacht. Kinder erleben durch Bräuche den Durchbruch vom
Tod zum Leben, vom Kreuz zur Auferstehung. Durch alle Wunderhaftigkeit hindurch
wird Gottes Wirken glaubwürdig und bezeugt.
Und nun Pfingsten. Die Zeitungen melden: Drei von vier Menschen wissen nicht mehr,
was Pfingsten bedeutet und warum trotz zweiwöchiger Ferienzeit, kaum klar ist, was
das mit der Kirche, dem Heiligen Geist und dem persönlichen Glauben zu tun hat.
Das Brauchtum dieses Festes ist uns abhanden gekommen. Für Kinder und die
Familie heißt es: Urlaub machen. Die Kirche überlässt man dem kleinen Häufchen
der Standhaften, den zuhause Gebliebenen, bzw. den Gottesdienstbesuchern, die ein
Interesse am Festtag, am wievielten (?) Geburtstag der weltweiten Kirche haben.
Und dennoch. Eine Geschichte aus der Feder des Lukas, der auch die Weihnachts-
und Ostergeschichte geschrieben hat, beschreibt ein Ereignis, für den Theophilus,
den gottliebenden Menschen. Äußerer Anlass ist diesmal nicht ein Gebot des Kaisers
zur Volkszählung und Steuerschätzung, nicht der Besuch des leeren Grabes in
Jerusalem, sondern das jüdische Fest der ersten Ernte, fünfzig Tage nach dem
Passahfest. Tempelbesuch, Opfer und Begegnung sind angesagt. Stau bei der
Herbergssuche in Jerusalem, Stau bei dem Tempelberg. Stau und Gedränge bei
Gasthäusern mit dem koscheren Essen. Sehen und Gesehenwerden. Man ist
international und tauscht Touristenfloskeln, wenige Sätze der Höflichkeit aus und ist
dennoch zusammen.
Zur dritten Stunde, es ist früher Vormittag, geschieht ein Brausen vom Himmel, nicht
vom Engelchor, auch nicht von Gestalten in weißen Kleidern intoniert. Es ist ein
himmlisches Geschehen, etwas Herabkommendes, nicht von Menschen, aber für
Menschen. Es bewegt das Sprechen und Hören. Menschen werden davon erfüllt, mit
dem Geist Gottes zum Predigen und Verstehen der großen Taten Gottes für alle
Völker gesegnet.
Ein solches Ereignis sucht nach Erklärungen. Die eine ist schnell gefunden: „Sie sind
voll des süßen Weins.“ Er macht „selig“, verbrüdert. Man versteht sich mit Händen und
Füßen.
Aber Petrus erklärt die Zusammenhänge. Er gibt Beispiele aus dem Alten Testament,
zitiert Propheten und deren Weissagungen. Er berichtet von Visionen und Auditionen,
verkündet Gottes universales Wirken auf Erden. Und dann bezieht er das Alte
Testament und seine Botschaft auf die Gegenwart. Jesus Christus ist Gottes Sohn,
der Verheißene ist der Gekommene, der Geborene, der Gestorbene, der
Auferstandene, der Aufgefahrene, der Erfahrene, der Bezeugte, der Lebendige.
Doch was bedeutet Kirche heute? Für wen ist sie die Kirche? Für die
Kirchensteuerzahler? Für die Getauften? Landesbischof Friedrich und der
Regensburger Ökumenica- Beauftragter, Bischof Müller wurden in der Süddeutschen
Zeitung vom Pfingstwochenende zur christlichen Kirche und Ökumene befragt. Neben
viel gutem Willen zur Zusammenarbeit wurden auch die Unterschiede im Verständnis
der Kirche schmerzhaft deutlich. Nach katholischem Verständnis gibt es eine wahre
Kirche, d.h. die katholische, die das Erbe des ersten Pfingstfestes hütet und bewahrt
hat und andere kirchliche Gemeinschaften, die imperfectii, die Unvollkommenen, die
der vollen Einheit der Kirche noch bedürfen. Doch der Pfingstgeist kann nicht
reklamiert werden. Er weht wo er will, weil Gott es so will. Wir sollten alle ihm folgen.
Dobrinski, der beide Bischöfe befragende Journalist nahm Bezug auf die Vielfalt
christlicher Gruppen, von den Pfingstkirchen bis zu sektiererischen Kreisen, die mit
ekstatischen Gebärden gegen die Institution der Großkirchen zu Felde ziehen. Wer
soll sich da zwischen Kirchen und Religionen noch auskennen? Andererseits setzen
Konsum, Materialismus, Unglauben der christlichen Kirche und ihren Mitgliedern zu.
Von dort kommt ein großes Brausen, das nicht wenige aus der Kirche fegt. In der
Europäischen Union wird darüber diskutiert, ob der Bezug auf Gott in die Präambel
der europäischen Verfassung hineingehört? Soll die Gemeinschaft der europäischen
Länder die christliche Vergangenheit würdigen und achten oder sich von diesen
Werten sichtbar trennen?
Reicht ein Pfingstfest aus, um die Kirche Jesu Christi zu erhalten und zukunftsfähig zu
machen? Reicht die Geburt aus für das Leben eines Menschen? Ich denke nein! Es
bedarf des ständigen Redens und Verkündigens, des Dienstes und der
ökumenischen Bemühungen Aller in der einen Kirche des Herrn. Letztlich aber hilft
Gott seiner Kirche und seinen Mitgliedern, dass sie bewegt werden vom Geist der
Zukunft, von seinem Wort der Wahrheit, von seinem Weg, der noch kein Ende hat.
Davon können wir leben. Es ist Pfingsten und es wird bleiben!
Amen.
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