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Heft 1/2011
Dez. - Jan. -Feb. Evangelisch- Lutherische Kirchengemeinde Pullach
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Predigt von Frau Borger, Lukas 18, 31 – 43 an Estomihi, 18.2.2007
Jakobuskirche Pullach


Liebe Gemeinde,

was hat die Leidensweissagung im ersten Teil unseres heutigen biblischen Abschnittes mit der dramatischen, wunderbaren Geschichte des Blinden auf dem Weg vor Jericho zu tun?
Die Jünger, die „Zwölf“, der engste Freundeskreis Jesu also, blicken voller Erwartung nach Jerusalem. Sie verstehen nicht, was Jesus von seinem bevorstehenden Leiden sagt – erst im Nachhinein erinnern sie sich daran, und im Nachhinein wird es wichtig, dass Jesus davon gesprochen hat als von einem Teil seiner Sendung, seines Auftrages, als Teil des Weges, den er vor sich gesehen hat schon lange bevor die Soldaten mit dem Verräter vor ihm standen in der Nacht im Garten Gethsemane.
Jetzt sind die Jünger innerlich weit, weit von dieser Szenerie entfernt – und auch von der Erkenntnis, die sie im Nachhinein hatten. Jerusalem! Die Stadt der Verheißung, die Stadt Gottes! Dorthin ziehen sie mit frohen Erwartungen – wahrscheinlich stellen sie sich vor, dass Jesus nun große öffentliche Anerkennung findet und dass die Freundlichkeit Gottes, die mit ihnen durch die  Dörfer Galiläas gezogen ist, und die sie in ganz neuer Weise kennen gelernt haben, dass die nun auch dem Volk und den Oberen in Jerusalem erscheinen wird, wenn sie Jesus begegnen.
Die Jünger sind mitsamt ihrer Erwartung blind und taub für das, was Jesus ihnen mitteilen will. Auch beim dritten Mal hören sie nicht richtig hin, lassen sie nicht an sich heran, was Jesus ihnen zu erklären versucht. Er bleibt allein mit seinem Wissen, seinen Vorahnungen. Die Jünger wollen’s nicht wissen. Sie lassen sich ihre Erwartungen, ihr Bild von der Realität, ihre Vorfreude nicht stören.
Ich denke, das ist ganz gut zu verstehen. Wenn ich mich zum Beispiel auf einen schönen, festlichen Abend freue, dann höre ich auch lieber weg, wenn jemand sagt: Naja, der x oder die y könnte auch noch krank werden, und dann wird’s leider nichts. Wer malt sich schon gern aus, was an Bösem und Schlimmem kommen könnte?!  Aber immerhin: Jesus redet von SICH – nicht von einem „vielleicht“ und „möglicherweise“! Er spricht von seinem Schicksal, das ihm bevorsteht. Warum nehmen ihn die Jünger nicht ernst?
Und der Blinde?
Ist er vielleicht sensibler als die zwölf Männer, die Jesus als Sinnbild und Platzhalter des Gottesvolkes zu sich gerufen hat? Spürt er in seiner Dunkelheit und in seinem Schmerz des Abgeschnitten-Seins den Schmerz Jesu?
Sein Schrei, mit dem er die Harmonie energisch durchbricht, ohne sich wieder zum Schweigen bringen zu lassen, erklingt dieser Schrei auch stellvertretend für das schreiende Herz Jesu, der weiß, worauf er zugeht und der damit allein bleibt?
Sieht der Blinde mehr als alle anderen?
„Iäsou, hyie david, eleäson me!”
“Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!”
„Kyrie, eleison“: Unser liturgischer Ruf, den wir in schönen Melodiebögen fast in jedem Gottesdienst singen, wurzelt in einem Schrei, der aus der Tiefe eines ganz allein auf sich gestellten Menschen hervorbricht, eines Menschen, der aus Leibeskräften gegen alle Widerstände anbrüllt und nichts mehr zurückhält, nichts mehr dämpft aus Rücksicht oder Bescheidenheit.
Ich denke an das berühmte Bild von Edvard Munch, das vor einiger Zeit gestohlen wurde und dann wieder aufgetaucht ist – Sie kennen es vielleicht, das Bild „Der Schrei“, wo einer ohne Gesicht und Namen, nicht erkennbar ob Frau oder Mann, auf einer Brücke steht, zwischen den Welten, und dem Betrachter entgegenschreit, das Gesicht ein einziger aufgerissener Mund, die Farben grell wie schmerzliche Wellen sich ausbreitend von diesem Mund, dieser Seele her, die sich bemerkbar macht in einem Kraftakt sondergleichen.
„Iäsou, hyie david, eleäson me!” Jesus, Sohn Davids! Erbarme Dich meiner!
Jesus hatte die Jünger gelehrt – oder zu lehren versucht - , dass sie, solange sie selber Kraft haben, offen sein sollen für andere Menschen, die ihren Weg kreuzen. Das hat er ihnen vorgelebt. Sie haben auch das nicht verstanden. Sie versuchen, den Blinden zum Schweigen zu bringen. Ein Skandal, ein grauenhafter Zug in dieser Geschichte und das umso mehr, als ich darin unsere eigene Fehlhaltung wiedererkenne! Die Jünger, die Zwölf, die obersten Repräsentanten des neuen Gottesvolkes, versuchen, den Notschrei eines Menschen zu ersticken!
Als ob sie nicht schon lange mitgegangen wären mit dem Rabbi Jesus, als ob sie seine Seligpreisungen nicht kennen würden, als ob sie nicht an ihm gesehen hätten, worauf es ankommt vor Gott und unter den Menschen: Barmherzigkeit, herzliche Anteilnahme, Zuwendung. Wie kommt es, dass sie dermaßen verblendet sind?!
Naja, wie kommt das?
Wir lernen von klein auf, dass wir funktionieren müssen. Und wir geben dieses Wissen an unsere Kinder weiter. Und immer wieder wird dabei die Grenze überschritten zwischen dem notwendigen Anpassungsprozess, dem wir alle unterliegen und den unsere Gemeinschaft braúcht als Beitrag von jeder einzelnen Person, und der herzlosen Unterdrückung von eigentlich lebensnotwendigem seelischen Ausdruck. Schauen Sie mal in Ihrer eigenen Kindheitsgeschichte  - und ihr Jugendlichen, überlegt mal, für Euch ist das möglicherweise noch näher, diese Erfahrung: Wo hat es geheißen: „SEI STILL!“? Und wo hat das sehr weh getan und sehr einsam gemacht?
Und umgekehrt: Wie oft denken wir „Ach, das sind doch nur Querulanten!“ – und wie oft haben wir damit möglicherweise Unrecht?
Wir haben Angst vor dunklen Gefühlen: Schmerz, Schuld, vor unbequemen Fragen; und wir lernen, dass es einfacher ist, nicht so genau hinzuschauen.
Ein Freund hat mir kürzlich erzählt: „Ich forsche gerade meinem Großvater nach. Es gibt Hinweise darauf, dass er eigenhändig polnische Zwangsarbeiter erschossen hat am Kriegsende“. Ich habe mich dabei ertappt, dass ich dachte: „Oh, muss das sein?! Musst Du das wirklich so genau rausfinden?“ Denn es kostet ja ganz schön Kraft, solche Seiten der eigenen Familiengeschichte anzuschauen, des ganz nahen menschlichen Umfeldes!

Die Grenze zwischen Unterdrückung und notwendiger Anpassung, zwischen Bequemlichkeit und notwendigem Selbstschutz ist fließend.  Traumatisierte Menschen, Menschen, die einen großen, tiefen Schrecken erlebt haben, gegen den sie sich nicht schütze konnten – einen Unfall, ein Alleingelassenwerden als kleiner Mensch, eine Verletzung oder unsagbare Gewalt – die tragen das Erlebte oft ganz tief verborgen mit sich. Die können gar nicht so ohne weiteres erzählen, herausgeben, was in ihnen steckt.
Ein Trost und eine Ermutigung für uns: Der Evangelist Lukas hat sicher sehr bewusst diese beiden Abschnitte nebeneinander gestellt: Die Leidensweissagung Jesu und den Bericht vom schreienden Blinden. Ich lese daraus die Selbsterkenntnis und Zuversicht der ersten Christen: Wir haben es nötig, an der Hand genommen zu werden auf dem Weg, der auch zu den dunklen Seiten des Lebens führt und sie nicht aussparen muss. Wir sind doch selber Blinde, die in die heilsame Nähe Jesu gerufen werden müssen. Da heißt es dann auch nicht: „So, jetzt erzähl mal schön!“ Oder: „Hier, nun leiste mal Aufklärungs- und Trauerarbeit, das wird Dir gut tun!“ Nein: Es kommt die Frage: „Was willst Du, dass ich Dir tun soll?“ Diese einfühlsame, bescheidene Frage ist für mich der Höhepunkt der Geschichte. Hier kommen der Blinde und Jesus ganz nah zusammen, gerade weil Jesus in einer gewissen Distanz bleibt und dem anderen Raum gibt.
Die Fastenzeit beginnt am kommenden Mittwoch. Sie steht in diesem Jahr unter der Überschrift „Atempause“. Eine Atempause gibt uns Gelegenheit, in uns hineinzuhorchen: Wo stecken Schreie fest, die eigentlich heraus sollten? Wo möchten wir sehend werden?
„Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem!“ Die Fastenzeit gehen wir im Rückblick auf den Weg Jesu und in dankbarer Verbundenheit mit ihm als einen Weg der einfühlsamen und aufmerksamen Haltung gegenüber dem Leiden. Zu lernen, dass Leiden in unser Leben gehört, und auch der Kampf dagegen und die Hilfe untereinander – das ist die Aufgabe auf dem Weg nach Jerusalem.
„Was willst Du, dass ich Dir tun soll?“, diese Frage können wir in unseren Ohren klingen lassen und mitgehen lassen.
In der vergangenen Woche habe ich die Kollegen – einen Pfarrer und einen Diakon – in Stadelheim besucht, bei der Gefangenenseelsorge. Sie haben von ihrer Arbeit erzählt und wie schwer das manchmal ist, die Geschichten anzuhören, ganz besonders bei den inhaftierten Frauen: die Gewaltgeschichten, die Geschichten von sexuellem Missbrauch, all das, was oft dahintersteckt, wenn ein Mensch selber gewalttätig wir und ausbricht auf irgendeine weise. Menschen schreien aauf ganz unterschiedliche weise. Auch Kinder schon. Ihre Geschichten anzuhören, sie nicht zum Schweigen zu bringen, das ist selber oft schon Befreiung. Schritt für Schritt kommt man dabei auch oft heilsamen Erfahrungen näher. Das ist das Glück und die Hoffnung seelsorgerlicher Arbeit.
Unser aller Glück und Hoffnung ist es, dass wir sehend werden – entlang an der Grenze zwischen konstruktiver Anpassung und zerstörerischer Unterdrückung, zwischen Ergebung und Widerstand lernen, wie das Leiden zu unserem Leben gehört; aufmerksam und mit der Erlaubnis, zu rufen, zu schreien: „Jesus, Sohn Davids, erbarme Dich meiner!“

Amen.

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