Predigt von Frau Borger, Lukas 18, 31 – 43 an Estomihi, 18.2.2007
Jakobuskirche Pullach
Liebe Gemeinde,
was hat die Leidensweissagung im ersten Teil unseres heutigen biblischen Abschnittes
mit der dramatischen, wunderbaren Geschichte des Blinden auf dem Weg vor Jericho zu
tun?
Die Jünger, die „Zwölf“, der engste Freundeskreis Jesu also, blicken voller Erwartung
nach Jerusalem. Sie verstehen nicht, was Jesus von seinem bevorstehenden Leiden sagt
– erst im Nachhinein erinnern sie sich daran, und im Nachhinein wird es wichtig, dass
Jesus davon gesprochen hat als von einem Teil seiner Sendung, seines Auftrages, als
Teil des Weges, den er vor sich gesehen hat schon lange bevor die Soldaten mit dem
Verräter vor ihm standen in der Nacht im Garten Gethsemane.
Jetzt sind die Jünger innerlich weit, weit von dieser Szenerie entfernt – und auch von
der Erkenntnis, die sie im Nachhinein hatten. Jerusalem! Die Stadt der Verheißung, die
Stadt Gottes! Dorthin ziehen sie mit frohen Erwartungen – wahrscheinlich stellen sie sich
vor, dass Jesus nun große öffentliche Anerkennung findet und dass die Freundlichkeit
Gottes, die mit ihnen durch die Dörfer Galiläas gezogen ist, und die sie in ganz neuer
Weise kennen gelernt haben, dass die nun auch dem Volk und den Oberen in Jerusalem
erscheinen wird, wenn sie Jesus begegnen.
Die Jünger sind mitsamt ihrer Erwartung blind und taub für das, was Jesus ihnen
mitteilen will. Auch beim dritten Mal hören sie nicht richtig hin, lassen sie nicht an sich
heran, was Jesus ihnen zu erklären versucht. Er bleibt allein mit seinem Wissen, seinen
Vorahnungen. Die Jünger wollen’s nicht wissen. Sie lassen sich ihre Erwartungen, ihr Bild
von der Realität, ihre Vorfreude nicht stören.
Ich denke, das ist ganz gut zu verstehen. Wenn ich mich zum Beispiel auf einen
schönen, festlichen Abend freue, dann höre ich auch lieber weg, wenn jemand sagt:
Naja, der x oder die y könnte auch noch krank werden, und dann wird’s leider nichts.
Wer malt sich schon gern aus, was an Bösem und Schlimmem kommen könnte?! Aber
immerhin: Jesus redet von SICH – nicht von einem „vielleicht“ und „möglicherweise“! Er
spricht von seinem Schicksal, das ihm bevorsteht. Warum nehmen ihn die Jünger nicht
ernst?
Und der Blinde?
Ist er vielleicht sensibler als die zwölf Männer, die Jesus als Sinnbild und Platzhalter des
Gottesvolkes zu sich gerufen hat? Spürt er in seiner Dunkelheit und in seinem Schmerz
des Abgeschnitten-Seins den Schmerz Jesu?
Sein Schrei, mit dem er die Harmonie energisch durchbricht, ohne sich wieder zum
Schweigen bringen zu lassen, erklingt dieser Schrei auch stellvertretend für das
schreiende Herz Jesu, der weiß, worauf er zugeht und der damit allein bleibt?
Sieht der Blinde mehr als alle anderen?
„Iäsou, hyie david, eleäson me!”
“Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!”
„Kyrie, eleison“: Unser liturgischer Ruf, den wir in schönen Melodiebögen fast in jedem
Gottesdienst singen, wurzelt in einem Schrei, der aus der Tiefe eines ganz allein auf sich
gestellten Menschen hervorbricht, eines Menschen, der aus Leibeskräften gegen alle
Widerstände anbrüllt und nichts mehr zurückhält, nichts mehr dämpft aus Rücksicht oder
Bescheidenheit.
Ich denke an das berühmte Bild von Edvard Munch, das vor einiger Zeit gestohlen wurde
und dann wieder aufgetaucht ist – Sie kennen es vielleicht, das Bild „Der Schrei“, wo
einer ohne Gesicht und Namen, nicht erkennbar ob Frau oder Mann, auf einer Brücke
steht, zwischen den Welten, und dem Betrachter entgegenschreit, das Gesicht ein
einziger aufgerissener Mund, die Farben grell wie schmerzliche Wellen sich ausbreitend
von diesem Mund, dieser Seele her, die sich bemerkbar macht in einem Kraftakt
sondergleichen.
„Iäsou, hyie david, eleäson me!” Jesus, Sohn Davids! Erbarme Dich meiner!
Jesus hatte die Jünger gelehrt – oder zu lehren versucht - , dass sie, solange sie selber
Kraft haben, offen sein sollen für andere Menschen, die ihren Weg kreuzen. Das hat er
ihnen vorgelebt. Sie haben auch das nicht verstanden. Sie versuchen, den Blinden zum
Schweigen zu bringen. Ein Skandal, ein grauenhafter Zug in dieser Geschichte und das
umso mehr, als ich darin unsere eigene Fehlhaltung wiedererkenne! Die Jünger, die
Zwölf, die obersten Repräsentanten des neuen Gottesvolkes, versuchen, den Notschrei
eines Menschen zu ersticken!
Als ob sie nicht schon lange mitgegangen wären mit dem Rabbi Jesus, als ob sie seine
Seligpreisungen nicht kennen würden, als ob sie nicht an ihm gesehen hätten, worauf es
ankommt vor Gott und unter den Menschen: Barmherzigkeit, herzliche Anteilnahme,
Zuwendung. Wie kommt es, dass sie dermaßen verblendet sind?!
Naja, wie kommt das?
Wir lernen von klein auf, dass wir funktionieren müssen. Und wir geben dieses Wissen an
unsere Kinder weiter. Und immer wieder wird dabei die Grenze überschritten zwischen
dem notwendigen Anpassungsprozess, dem wir alle unterliegen und den unsere
Gemeinschaft braúcht als Beitrag von jeder einzelnen Person, und der herzlosen
Unterdrückung von eigentlich lebensnotwendigem seelischen Ausdruck. Schauen Sie mal
in Ihrer eigenen Kindheitsgeschichte - und ihr Jugendlichen, überlegt mal, für Euch ist
das möglicherweise noch näher, diese Erfahrung: Wo hat es geheißen: „SEI STILL!“?
Und wo hat das sehr weh getan und sehr einsam gemacht?
Und umgekehrt: Wie oft denken wir „Ach, das sind doch nur Querulanten!“ – und wie oft
haben wir damit möglicherweise Unrecht?
Wir haben Angst vor dunklen Gefühlen: Schmerz, Schuld, vor unbequemen Fragen; und
wir lernen, dass es einfacher ist, nicht so genau hinzuschauen.
Ein Freund hat mir kürzlich erzählt: „Ich forsche gerade meinem Großvater nach. Es gibt
Hinweise darauf, dass er eigenhändig polnische Zwangsarbeiter erschossen hat am
Kriegsende“. Ich habe mich dabei ertappt, dass ich dachte: „Oh, muss das sein?! Musst
Du das wirklich so genau rausfinden?“ Denn es kostet ja ganz schön Kraft, solche Seiten
der eigenen Familiengeschichte anzuschauen, des ganz nahen menschlichen Umfeldes!
Die Grenze zwischen Unterdrückung und notwendiger Anpassung, zwischen
Bequemlichkeit und notwendigem Selbstschutz ist fließend. Traumatisierte Menschen,
Menschen, die einen großen, tiefen Schrecken erlebt haben, gegen den sie sich nicht
schütze konnten – einen Unfall, ein Alleingelassenwerden als kleiner Mensch, eine
Verletzung oder unsagbare Gewalt – die tragen das Erlebte oft ganz tief verborgen mit
sich. Die können gar nicht so ohne weiteres erzählen, herausgeben, was in ihnen steckt.
Ein Trost und eine Ermutigung für uns: Der Evangelist Lukas hat sicher sehr bewusst
diese beiden Abschnitte nebeneinander gestellt: Die Leidensweissagung Jesu und den
Bericht vom schreienden Blinden. Ich lese daraus die Selbsterkenntnis und Zuversicht
der ersten Christen: Wir haben es nötig, an der Hand genommen zu werden auf dem
Weg, der auch zu den dunklen Seiten des Lebens führt und sie nicht aussparen muss.
Wir sind doch selber Blinde, die in die heilsame Nähe Jesu gerufen werden müssen. Da
heißt es dann auch nicht: „So, jetzt erzähl mal schön!“ Oder: „Hier, nun leiste mal
Aufklärungs- und Trauerarbeit, das wird Dir gut tun!“ Nein: Es kommt die Frage: „Was
willst Du, dass ich Dir tun soll?“ Diese einfühlsame, bescheidene Frage ist für mich der
Höhepunkt der Geschichte. Hier kommen der Blinde und Jesus ganz nah zusammen,
gerade weil Jesus in einer gewissen Distanz bleibt und dem anderen Raum gibt.
Die Fastenzeit beginnt am kommenden Mittwoch. Sie steht in diesem Jahr unter der
Überschrift „Atempause“. Eine Atempause gibt uns Gelegenheit, in uns hineinzuhorchen:
Wo stecken Schreie fest, die eigentlich heraus sollten? Wo möchten wir sehend werden?
„Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem!“ Die Fastenzeit gehen wir im Rückblick auf den
Weg Jesu und in dankbarer Verbundenheit mit ihm als einen Weg der einfühlsamen und
aufmerksamen Haltung gegenüber dem Leiden. Zu lernen, dass Leiden in unser Leben
gehört, und auch der Kampf dagegen und die Hilfe untereinander – das ist die Aufgabe
auf dem Weg nach Jerusalem.
„Was willst Du, dass ich Dir tun soll?“, diese Frage können wir in unseren Ohren klingen
lassen und mitgehen lassen.
In der vergangenen Woche habe ich die Kollegen – einen Pfarrer und einen Diakon – in
Stadelheim besucht, bei der Gefangenenseelsorge. Sie haben von ihrer Arbeit erzählt
und wie schwer das manchmal ist, die Geschichten anzuhören, ganz besonders bei den
inhaftierten Frauen: die Gewaltgeschichten, die Geschichten von sexuellem Missbrauch,
all das, was oft dahintersteckt, wenn ein Mensch selber gewalttätig wir und ausbricht
auf irgendeine weise. Menschen schreien aauf ganz unterschiedliche weise. Auch Kinder
schon. Ihre Geschichten anzuhören, sie nicht zum Schweigen zu bringen, das ist selber
oft schon Befreiung. Schritt für Schritt kommt man dabei auch oft heilsamen
Erfahrungen näher. Das ist das Glück und die Hoffnung seelsorgerlicher Arbeit.
Unser aller Glück und Hoffnung ist es, dass wir sehend werden – entlang an der Grenze
zwischen konstruktiver Anpassung und zerstörerischer Unterdrückung, zwischen
Ergebung und Widerstand lernen, wie das Leiden zu unserem Leben gehört; aufmerksam
und mit der Erlaubnis, zu rufen, zu schreien: „Jesus, Sohn Davids, erbarme Dich meiner!“
Amen.
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