Diesen schleichenden Auszug christlichen Denkens und Redens als Teil unserer menschlichen Existenz stellen
wir fest, aber er bedrückt uns auch. Viele sagen: Die Kirche ist zu wenig attraktiv. Dieses Wissen prägt die
kirchlichen Vertreter auch weithin selbst, da sie selbstkritisch immer neue Umfragen, Erhebungen, Statistiken
machen lassen und neue Modelle entwickeln. Wer schaut nicht schon mal zu den Nachbarn, ob die nicht etwas
Attraktiveres bieten oder mehr Leute anziehen. Andere wieder sagen, was hilft allein ein neues Konzept, wenn
das Interesse der Menschen fehlt. Denn leben wir nicht alle gegenwartsbezogen, unmittelbar dem Heute
ausgeliefert mit Aufgaben, Nachrichten, Sensationen, Neuigkeiten? Die viel beschworene >psychosomatische
Einheit< des Menschen sagt uns, dass Leib und Geist des Menschen untrennbar und ununterscheidbar
miteinander und ineinander verwoben sind – wo soll da noch Platz für die Seele und eine Transzendenz, eine
Jenseitigkeit, sein?
Kennt die Bibel so eine Situation des Gottesverlustes, so ein Entschwinden des Religiösen aus dem täglichen
Leben, aus der Existenz unseres Daseins? Und wenn sie der Bibel nicht unbekannt ist – wie verhalten sich die
Menschen dabei und was sagt der biblische Gott dazu?
Dazu hören wir eine Geschichte aus dem 2. Mose im 32.Kapitel:
- siehe Text -
Eine uralte Geschichte ist das. Wenn wir sie ungefähr historisch fixeren wollten, müssen wir uns schon um
dreieinhalb Jahrtausende zurückversetzen. Wenn wir sie uns heute noch anhören. muss es so etwas wie einen
>casus rerum<, einen Knackpunkt dieser Begebenheit geben, der uns heutzutage noch betrifft - ansonsten
wäre dies ja nur eine Geschichte, die man Kindern erzählen kann.
Die Situation ist folgende: Moses ist seit 40 Tagen, eine symbolische Zahl für einen langen Zeitabschnitt, auf
dem Berg Sinai. Die Stammesgemeinschaft lebt weiter unten in einer Oase, zunächst mit der Erwartung, dass
Moses bald, schließlich überfällig zurückkommt. Dann wird er vermisst und endlich aufgegeben: „Denn was aus
diesem Moses geworden ist, der uns aus Ägypten hierher geführt hat – niemand weiß es.“ Mit dem Propheten
und der Bezugsperson ist auch der neue Gott entschwunden. Aaron, der andere Gottesdiener, weiß, dass es
ohne Götter nicht geht. Er fordert seine Zuhörer auf, dass sie ihren Frauen, Söhnen und Töchtern die goldenen
Ringe abnehmen und ihm bringen. Aaron aber nahm die goldenen Ringe, schmolz sie ein, goss das Gold in eine
Form und machte daraus das Standbild eines Jungstiers. „Da riefen alle: >Hier ist dein Gott, Israel, der dich aus
Ägypten hierher geführt hat.<“
Moses, der Gottesverkünder, Hauptbetroffener und Verantwortlicher, weiß davon nichts. Er ist auf fernen
Höhen, ins Gebirge entschwunden, leiblich wie auch geistig. Aus Gottes Mund selbst wird Moses mit den
neuesten Nachrichten versorgt: „Steig schnell hinunter! Dein Volk, das du aus Ägypten hierher geführt hast,
läuft ins Verderben.“
Moses, der ein durch die Erfahrung geschulter und nicht nur kluger, sondern weiser Kopf geworden war, muss
bereits aus diesem einen Satz erkannt haben: Es geht hier nicht um irgendeine der vielen Katastrophen und
Verirrungen seiner Anvertrauten. In Gott selbst musste sich etwas verändert haben. Denn Gott spricht von
>deinem< Volk, das >du< aus Ägypten geführt hast. Er sagt nicht mehr >mein< Volk“, das >ich< aus Ägypten
geführt habe. Gott hat sich distanziert. Er hat dieses Projekt und damit die betroffenen Menschen
abgeschrieben. Übrigens wird Gott hier mit sehr menschlichen Eigenschaften belegt. Damit werden wir in
unseren eigenen Bereich von Erfahrungen hingeleitet. Bei unangenehmen Begebenheiten distanzieren wir uns ja
auch gerne mit Hinweisen wie: Das ist >ihr< Problem, das ist >deine< Verwandtschaft, das hat >dein> Sohn,
>deine< Tochter angestellt. Während das Pronomen >mein< mehr die positiven Seiten des Lebens für sich
vereinnahmt wie >mein> Auto, >mein< Haus, >meine< Kinder. Wir bemerken mit Moses die Distanz, die
zwischen Gott und dem Volk aufgebrochen ist: >dein< Volk spricht Gott, nicht >mein< Volk.
Die Distanz, in die sich Gott begibt, hat einen realen Grund. Normalerweise sind es wir, die wir uns von Gott
distanzieren. Dass er, Gott, dies tun könnte, liegt außerhalb unserer Betrachtungsweise. Er ist
selbstverständlich für die Welt und uns da. So wie Eltern: Schließlich haben sie uns in die Welt gesetzt, jetzt
sind sie auch für uns verantwortlich. Da ist auch viel Wahres daran. Die Distanz Gottes erwächst aus zwei
Ursachen. Die eine ist mehr sachlicher, ethischer Natur: „Sie sind sehr schnell von dem Weg abgewichen, den
ich ihnen mit meinen Geboten gewiesen habe.“ Diese Bemerkung ist schon von Gewicht, da damit das
Zusammenleben und die gegenseitige Verantwortung leidet. Doch das war eine so neue Erfahrung für Gott
auch wieder nicht. Schwerwiegender, weil grundlegender ist die zweite Entgleisung: „Ein gegossenes Kalb
haben sie sich gemacht, sie haben es angebetet und ihm Opfer dargebracht und gerufen: >Hier ist dein Gott,
Israel, der dich aus Ägypten hierher geführt hat.<“
Es gibt verschiedene Stufen, diese Aussage zu deuten. Die erste und einfache ist diese: Die Menschen der
Antike brauchten eben Gottes- oder Götzenbilder zur anschaulichen Gottesverehrung, ob es nun in Ägypten,
Babylon, Griechenland oder Rom war. Doch nur mit dieser Deutung wäre diese Geschichte für uns heute
bedeutungslos. Die zweite Möglichkeit besteht in der Feststellung: Der Mensch kann ohne Religion nicht leben.
Die Kirchlichkeit nehme zwar ab, überhaupt die Bindung an Konfessionen und Organisationen. Aber das religiöse
Grundbedürfnis bleibt. Es sucht seine Erfüllung, das Ziel seiner Sehnsucht eben woanders: in religiösen
Sondergruppen, in esoterischen Zirkeln, in geheimnisvollen Riten, Übungen und Praktiken. Viele sind dann
bereit, erhebliche Opfer finanzieller und zeitlicher Art aufzubringen. Das ist sehr erstaunlich, man muss da nicht
nur an die Scientologen denken. Häufig findet die Aufforderung Aarons, die goldenen Ringe zu opfern, seine
sinngemäße Fortführung. Doch auch solche Irrungen und Wirrungen waren Gott bei seinen bisherigen
Erfahrungen mit seinem Volk nicht unbekannt und haben manche Pläne durchkreuzt. Was führt dazu, dass Gott
sich distanziert, sich abwendet und nicht mehr sagt wie auch immer, freudig, kritisch, tadelnd, lobend,
ermunternd, tröstend: >mein< Volk?
Es geht nicht darum, dass die, die sich ein goldenes Kalb gemacht haben, Götzen anbeten. Irrungen gab es
schon immer. Es handelt sich auch nicht darum, dass sie Gebote missachten. Das war sozusagen an der
Tagesordnung. Auch geht es nicht darum, dass sie andersartigen und moderneren Ideen und Ideenträger
gefolgt wären. Nein, worin liegt das Problem? Es liegt an dieser Kombination: Sie haben sich selbst ein Idol
gefertigt, sie haben es angebetet und ihm geopfert und sie haben gerufen: Das ist >dein< Gott. Das ist das
Problematische, das auch uns heute betroffen macht: Wir schaffen etwas für uns, beten das an, was wir für
uns geschaffen haben und sagen, das ist >dein< Gott. So ist es wohl zu verstehen: Wir beten in dem, was wir
geschaffen haben, uns selber an.
Das ist also die Situation, die neue, die qualitativ veränderte, die alte und doch immer wiederkehrende. Nicht,
dass wir etwas schaffen, dass wir etwas leisten, ist das Problem, sondern: Wir neigen dazu, das anzubeten,
was wir durch uns selbst geschaffen haben.
Des biblischen Gottes Zorn ist gewaltig und bricht über Moses herein: „Deshalb will ich meinen Zorn über sie
ausschütten und vernichten. Versuche nicht, mich davon abzubringen! Mit dir will ich neu beginnen und deine
Nachkommen zu einem großen Volk machen.“ Der Gedanke des Neuanfangs, des unbelasteten Aufbruchs, der
radikalen Reinigung – wie oft hat es diesen seither gegeben. Selbst die Inquisition fing so an: Abwehr und
Ausschaltung von Irrtümern; auch Cromwell berief ein Parlament der Heiligen ein, bevor es dann enttäuscht
auflöste und lieber ohne seine Heiligen regierte. Auch der berühmte islamische Historiker Ibn Chalun, der im 14.
Jahrhundert in Marokko lebte, beschreibt in seiner Geschichte der Berber diese Neuanfänge: >Junge, vitale
Nomadenstämme stürzen demnach die alten, im städtischen Kulturkreis dekadent gewordenen Dynastien. Sie
erringen die Macht, blühen auf, verweichlichen dann jedoch ihrerseits und werden wieder von neuen
Nomadenstämmen vertrieben.< Aus seiner Sicht resultieren daraus die fortwährenden Staatskrisen in Nordafrika
und dem damaligen Spanien und anderen islamisch geprägten Ländern. Von Selbstreinigungsriten mit
katastrophalen Auswirkungen könnte man auch aus den Erfahrungen in den kommunistischen Zeiten der SU
berichten. Moses selber hat ja auch zuweilen sehr rigoros gehandelt, so wird berichtet, wenn es um die
Ahndung der Gebotsübertretungen ging.
Moses agiert sehr geschickt, als er versucht, den alttestamentlichen Gott umzustimmen: „Ach Herr, warum
willst du deinen Zorn über >dein< Volk ausschütten, das >du< eben erst durch >deine< große Macht aus
Ägypten herausgeführt hast?“ Moses weist von sich weg auf Gott zurück; es geht um >dein< Volk, sagt er an
Gott gewendet, und >du< hast das Volk aus Ägypten herausgeführt. An dieser Aussage zeigt Moses, sofern er
historisch fassbar ist, seine Grenzen und erweist seine Größe. Das ist das Grundsätzliche, das muss erst klar
gestellt sein. Moses sagt damit, meine Verantwortung ist groß, aber begrenzt. Gott ist das eine, der Mensch,
was er tun kann, das andere.
Dann argumentiert Moses wieder ganz mit menschlichen Gefühlen: Du willst doch nicht, dass die Ägypter von
dir sagen: „Er hat sie nur herausgeführt, um sie dort am Berg zu töten…“ Und dann versucht Moses, überhaupt
von den menschlichen, allzu menschlichen Gegebenheiten, Wechselfällen und Wankelmütigkeiten abzukommen
und auf das Beständige, Dauernde und Verlässliche anzuknüpfen: „Denk doch an Abraham, Isaak und Jakob,
die dir treu gedient haben“ und Moses erinnert Gott an seinen feierlichen Eid, mit dem er Nachkommen und
Land versprochen habe. Dieses sich Beziehen, sich Verlassen auf Gott, zeichnete auch unseren Reformator
Martin Luther aus, der oft selbstbewusst war, doch in schwersten Lebenslagen nur sich so zu helfen wusste,
dass er auf den Tisch schrieb: >Ich bin getauft!<
Vermutlich werden wir bei dieser ganzen Art der Auseinandersetzung den Gedanken nicht los: Wird hier Gott
nicht vermenschlicht? Kann man so überhaupt mit Gott reden oder umgehen? Erfahrungen mit Gott oder
Vorstellungen von Gott, ob es sich um die bei Moses handelt oder einem von uns, sind nicht beschreibbar. Die
Form, die hier in der Bibel gewählt wird, dient dazu, uns verständlich zu machen, worum es geht.
Wie Moses argumentiert, ist nicht ohne Folgen: „Da sah der Herr davon ab, seine Drohung wahr zu machen,
und vernichtete sein Volk nicht.“
So einfach endet diese Geschichte. Sie endet aber so nach einer grundsätzlichen Auseinandersetzung. Doch
dass sich dieses einfache, überwältigende Ende so wenig in der Weltgeschichte durchgesetzt hat und so
selten auch heute darnach gehandelt wird – das ist nicht nur tragisch, es ist die menschliche Schuld, die
Schuld von uns Menschen schlechthin.
Gilt nicht als Lebensprinzip immer noch, wie es Schiller ausdrückt: „Das eben ist der Fluch der bösen Tat. dass
sie fortzeugend Böses muss gebären.“ Freilich hat jedes Reden und Handeln seine Folgen; natürlich muss der
Täter für seine Taten einstehen. Da sind die vielen gesetzlichen Regelungen, die unser Zusammenleben ordnen.
Doch das Auskommen unter den Menschen, das Verstehen, das Akzeptieren, das Nicht-Mehr Aufrechnen, das
vollzieht sich auf einer anderen Ebene. Leiden wir nicht in vielen Bereichen auch durch das Tat-Folgen-Prinzip?
Denken wir an die wiederkehrenden Ereignisse in Palästina, im Libanon und auch im Sudan. Und kann man von
den Attentätern im Irak oder Afghanistan meinen, sie täten etwas für >ihr< Volk, wenn sie meistenteils die
eigenen Landsleute umbringen? Und ist es wirklich trostreich, wenn man an das Tat–Folge–Prinzip im
Hinduismus / Buddhismus denkt? Samsara, das Rad der Wiedergeburt, sein Zeichen ist an jedem Tempel zu
sehen, symbolisiert die unausweichliche Vergeltung, das Karma, und die Schicksalsbezogenheit der eigenen
Handlungen durch alle Zeiten. Jede Tat hat ihre unvermeidlichen Folgen – es sei denn, ein gnädiges, aber nur
schwer erreichbares Nirwana nimmt einen auf.
Was gibt uns aber das Recht, eben diese Geschichte des AT herauszugreifen. Gibt es nicht genug
Begebenheiten aus dem AT, die reichlich gewalttätig sind, die vom Verhalten >Aug um Auge, Zahn um Zahn<
berichten, die vom Segen, aber auch der Schuld der Väter und den Folgen für die nachfolgenden Generationen
sprechen? Hat sich nicht Moses selbst zuweilen als Gewalttäter erwiesen? Was ist mit Elias und seinem
Gottesurteil auf dem Karmel? Kann man einfach übergehen, wie es Mendelssohn so drastisch in seinem
Oratorium >Elias< musikalisch umschreibt, dass der Prophet mehr als 1000 Priester und Priesterinnen - mag es
sich auch um eine übertriebene Zahl handeln –des Baal und der Aschera über die Klinge springen ließ?
Wir können nicht Geschichten einfach aussuchen wie es uns passt oder wie es kindgemäß wäre. Dass die
Geschichte, mit der wir uns heute beschäftigt haben, exemplarische Bedeutung hat, muss einen anderen
Grund haben.
Das AT ist ein Teil der für uns grundlegenden Bibel mit dem AT und NT. Das NT ist nicht ohne den Hintergrund
des AT zu verstehen, daher ist es auch ein wichtiger Bestandteil der Bibel geblieben. Doch verstanden und
gedeutet werden muss das AT von der Überlieferung des NT her, von der Botschaft, die Jesus Christus selbst
gelebt und bezeugt hat und uns von seinen Nachfolgern überliefert wurde. Das AT ist nicht ein unantastbares
heiliges Buch wie der Koran, der als eine Abschrift des im Himmel aufbewahrten Korans betrachtet wird und
daher unveränderlich ist und gilt. Das AT hat seinen Sinn für uns Christen durch die Botschaft wie Jesus
Christus Gott verkündet hat. Daher sind auch die Glaubenserfahrungen des AT für uns wichtig, die auf den in
Jesus Christus uns gezeigten Gott verweisen. Dazu zählt eben auch das Resultat, das sich aus dem Gespräch
mit Moses ergibt: „Da sah der Herr davon ab, seine Drohung wahr zu machen, und er vernichtete sein Volk
nicht.“ Wie oft hat Jesus Christus in seinen Taten und Worten dies gelebt: einen Neuanfang zu ermöglichen,
das Prinzip der Vergeltung aufzugeben.
Der Unterschied der Religionen lässt sich nicht so sehr an Glaubenssätzen und Gottesvorstellungen
festmachen. Doch wie Gott sich nach den Worten Jesus Christi verhält und wie wir uns dementsprechend
verhalten sollten – da gibt es schon erhebliche Differenzen unter den Religionen.
Maßgeblich ist nicht, was schon alles geschehen ist – wer könnte dies je aufarbeiten und objektiv beurteilen.
Maßgeblich ist, wie wir das angehen, was vor uns liegt und wie wir uns gegenüber den Menschen verhalten,
mit denen wir nah und fern leben. Es gilt den Kreislauf, die ewige Wiederkehr der Taten zu durchbrechen. So
erkennen wir es aus dem Lebensprinzip von Jesus Christus: Keiner ging von ihm weg, ohne dass ihm die Tür zu
neuen Perspektiven eröffnet worden wäre. Doch das ist nicht nur eine Frage des Charakters, des guten
Willens, es ist eine Frage, ob wir uns durch unseren Gott dazu ermutigen lassen wie Moses es damals tat.
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