Ansprache von Pfarrer Kurt H. Bordon anlässlich des ökumenischen
Gottesdienstes am Silvesterabend in der
katholischen Heilig – Geist Kirche von Pullach
Text: 1. Samuel 16,7 ( Jahreslosung für 2003)
„Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an!"
Liebe Schwestern und Brüder, liebe ökumenische Gemeinde!
Nun zerrinnen uns auch die letzten Stunden des Tages, des Jahres 2002. Obwohl
jeder Tag dieses Jahres die gleiche Zeit, Würde und Bedeutung für den Jahresablauf
hatte, wird uns am letzten Tag des Jahres, am Silvestertag, dem Jahresschluss ein
besonderer Kairos, d.h. ein gesegneter Zeitpunkt deutlich.
Rein äußerlich betrachtet sitzen wir gemeinsam, in christlicher Verbundenheit in
diesem Gottesdienst. Wir tun das, nicht weil heute ein besonders hoher, kirchlicher
Feiertag wäre. Silvester erinnert an den gleichnamigen, seit 314 n.Chr. Bischof von
Rom, der den Übergang zur Konstantinischen Wende erlebte. Er starb am 31.
Dezember 335. Der Legende nach war es der Tag der Taufe Kaiser Konstantins, der
das Christentum zur Staatsreligion seines Reiches machte.
In den evangelischen Gemeinden gehört der Jahresschluss – Gottesdienst seit
längerer Zeit zur festen Praxis eines Schwellenritus, der den Übergang eines Jahres
zum andern gottesdienstlich feiert.
Was uns heute verbindet ist die Absicht, gemeinsam unseren Glauben an den Herrn
der Zeit zum Ausdruck zu bringen. Unsere Zeit, auch die Zeit unserer Kirche und
Gemeinden liegt in Gottes Hand. Deshalb danken wir ihm für jeden vergangenen Tag,
jedes Jahr, für jeden Zeitabschnitt des Lebens, der nicht nur als Kettenglied des
Zeitablaufes wichtig, sondern auch für die Fülle und das Gewichtige unseres Lebens
bedeutungsvoll geworden ist. Wir tun es hier, im Gottesdienst, weil wir davon
überzeugt sind, dass nicht nur das Äußere, Vordergründige, Leichte, Unterhaltsame
heute zu ihrem Recht kommen soll, sondern auch das Sinnvolle, Wesentliche,
Wichtige, Essenzielle des Lebens.
Dazu verhelfen uns die beiden Texte: Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr
aber sieht das Herz an.
Antoine de Saint Exupéry: Der kleine Prinz: „Adieu – sagte der Fuchs zum kleinen
Prinzen. Hier mein Geheimnis: Es ist ganz einfach. Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."
Samuel erfährt von Gott das Geheimnis der Berufung, der Salbung Davids zum
König. Warum wird von den sieben Söhnen Isais gerade der jüngste, David, der Hirte
zum König über Israel als Nachfolger Sauls bestimmt? Samuel erfährt, dass
menschliche Kriterien bei einer wichtigen Wahl zu einem bedeutenden Amt, oft von
äußeren Dingen, vom Aussehen, der Ausstrahlung, vom Habitus, der Kleidung, dem
Auftreten abhängig ist. So gesehen unterscheidet er sich nicht von unseren Wählern
und Gewählten. Das gilt für den Bereich der Öffentlichkeit. So fragen Medien: mit
welcher Krawatte erscheint ein Politiker zur Wahlsendung, wie faltenlos und
räusperfrei kann er reden, eine gute Figur und einen tadellosen Eindruck
hinterlassen? Das Medienzeitalter hat das Sichtbare für das Auge, für unsere Augen
zum Maßstab gemacht. Handel, Werbung, Politik, ja oft auch menschliche
Beziehungen werden diesem Äußeren geopfert.
Gott teilt Samuel mit, dass er anders sucht, beurteilt, wählt, beruft. Gott sieht das Herz
an. Das ist, wie wir wissen, keine Sache des Kardiologen ( Herzspezialisten),
sondern eine Sache gerechter Beurteilung der inneren Werte eines Menschen. Von
welchen Werten lebt der Mensch? Wovon ist er überzeugt? Wie wichtig nimmt er
sich? Wie wahrheitsliebend, zuverlässig, dienstbereit ist er? Welche Hoffnungen und
Freuden erfüllen ihn? Folgen wir dem Rat des Fuchses, dann kann nur unser Herz das
erkennen, weil das Wesentliche eine Sache des Herzens und nicht der Augen ist. Die
Bibel berichtet an vielen Stellen davon, dass Gott unseren Augen verborgen bleibt. Er
hat uns die fünf Sinne zur Erkenntnis allen Äußeren, der ganzen sichtbaren Welt
geschenkt. Hinzu kommen aber die Herzensangelegenheiten, Glaube, Hoffnung,
Liebe. Sie sind die göttlichen Gaben, die Wesentliches erfahrbar machen. Sie sind
die wesentlichen Lebenskräfte, die uns durch die Zeit helfen. Sie verbinden uns mit
Gott, mit den Mitmenschen.
Was wird kommen - so fragen wir am letzten Tag des Jahres? Wie wird es sein - das
Neue Jahr? Lassen wir politische Propheten, Astrologen das ihre tun. Wir gehen von
guten Mächten geborgen in das Neue Jahr. Gott, der Grund unseres Glaubens ist
glaubwürdig Mensch geworden. Seine Liebe zu uns zerrinnt nicht wie die Zeit. Sie
erfüllt Kommendes mit Güte, Sinn und Frieden für alle. So hat Luther vielleicht gesagt:
„Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, so würde ich heute noch
mein Apfelbäumchen pflanzen".
Pflanzen können wir Körner der Hoffnung, der Liebe und des Glaubens. Gott wird sie
segnen und wachsen lassen! Amen.
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